
14. Juni 2021
Ergotherapie · Kinder-Therapie
Braucht mein Kind Ergotherapie?
Oftmals sind sich Eltern unsicher ob Ergotherapie benötigt wird, vor allem dann, wenn keine klare Diagnose vorliegt.
Ich bin kein Fan davon, dass man jedem Kind sofort eine Therapie drüber stülpt, ich möchte aber auch nichts klein reden. Denn wenn die kindliche Entwicklung verzögert ist, können diese Rückstände durch geeignete Maßnahmen gefördert und unterstützt werden. Grundsätzlich gibt es bei Kinder Zeitfenster, wo sich bestimmte Dinge entwickeln wie krabbeln, gehen, Türme bauen, malen etc. Ist ein Bereich der Motorik, der Körperwahrnehmung, der emotionalen Entwicklung, etc. (stark) verzögert und dadurch gestört, setzt sich das fort und entwickelt sich in seltenen Fällen von selbst oder „wächst sich aus“.
Hier ein guter Vergleich von einer Kollegin… Man kann am Gras nicht ziehen, damit es schneller wächst (ist auch nicht Ziel der Ergotherapie), aber man kann regelmäßig gießen oder für Sonne und Wärme sorgen, damit alles gut gedeiht und Entwicklungsschritte „angefacht“ werden und schauen, wo die Ursachen für die Probleme sind.
Bei einer Unsicherheit ob Ergotherapie notwendig ist, ist ein erster telefonischer Kontakt und/oder ein Abklärungstermin bei einer Therapeutin ratsam.
Tatsächlich kann sich nach den ersten Befundeinheiten zeigen, dass auch gar keine Ergotherapie notwendig ist oder etwas anderes sinnvoller wäre (Logopädie, Physiotherapie, Erziehungsberatung, Psychologie, Legasthenietraining etc.).
Und manchmal stellt sich auch heraus, dass sehr wohl Ergotherapie hilfreich ist.
Inhaltsverzeichnis
Die wichtigsten Fragen, die auf Ergotherapie hinweisen:
- Ist der Alltag Zuhause, Schule oder Kindergarten beeinträchtigt?
- Gibt es in einem oder mehreren Lebensbereichen Schwierigkeiten in alltäglichen Handlungen wie: Freizeit (Hobbys, Interaktion mit anderen), Produktivität (Schule, Hausübung, Spiel – denn das Spiel ist die Arbeit des Kindes), Selbstversorgung (essen, waschen, anziehen, Schuhe binden etc.), Erholung (zur Ruhe kommen, sich alleine beschäftigen)?
- Leidet das Kind (nicht zwingend 😉 ) oder das Umfeld wie Eltern, Geschwister, Pädagog*innen, andere Kinder?
- Ist der Leidensdruck schon sehr groß?
- Werden verschiedene Handlungen trotz Übung nicht besser?
Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden können, ist ein erster telefonischer Kontakt und/oder ergotherapeutische Abklärung ratsam.
Typische Missverständnisse, wo Ergotherapie NICHT das Mittel der Wahl ist
- Grundsätzlich sind Ergotherapeut*innen keine Lerntherapeuten, d.h klassische Legasthenietrainings werden nicht von Ergotherapeut*innen angeboten. Es sei denn, es hat jemand eine Zusatzausbildung!
Anmerkung: Was Ergotherapeut*innen aber sehr wohl in der Therapie je nach Ausmaß behandeln, sind die Vorläuferfähigkeiten die man zum Lesen/Schreiben benötigt, sowie eine Herangehensweise über die Körperwahrnehmung.
- Ergotherapie ist nicht mit Nachhilfelehrer zu verwechseln 🙂 . Diese sind die Fachleute, was das betrifft. Ergotherapie zu machen, einfach weil das Kind schlechte Noten hat, ist nicht Ergotherapie. Hat das Kind aber schlechte Noten, weil es beispielsweise Schwierigkeiten in der visuellen Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit, oder aufgrund von Schüchternheit sich nicht mitarbeiten traut und sich nichts zutraut etc., ist Ergotherapie eine mögliche Indikation.
- Ergotherapie zu machen, nur weil das Kind keinen Einbeinstand kann, aber keinen Leidensdruck hat, oder sich das nicht im Alltag auswirkt, und sonst sehr geschickt und absolut gesund entwickelt ist, ist keine Ergotherapie notwendig. Es können nicht alle Kinder Spitzenathleten sein und müssen auch nicht 🙂 .
Falls du weitere Fragen hast, schreibe mir gerne an [email protected]
Mehr über die Arbeit von Ergotherapeutinnen: Ergotherapie – ein vielfältiger Beruf
Wann braucht mein Kind Ergotherapie?
Eine Orientierung, wann sich eine Abklärung lohnt. Es muss nicht alles zutreffen, aber wenn mehrere Punkte über längere Zeit auffallen, sprich mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt oder einer Ergotherapeutin:
- Das Kind tut sich beim Schreiben, Malen oder Basteln auffallend schwer, hält den Stift sehr fest oder ermüdet schnell.
- Es ist ungeschickt, stolpert viel, lässt Dinge fallen oder meidet Bewegungsspiele.
- Es kann sich schlecht konzentrieren, ist sehr ablenkbar oder bleibt bei Aufgaben nicht dran.
- Es hat Schwierigkeiten bei Alltagsaufgaben wie Anziehen, Schuhe binden oder Besteck benutzen.
- Es reagiert sehr empfindlich auf Reize wie Geräusche, Berührung oder Kleidung, oder sucht ständig starke Reize.
- Hausübungen dauern sehr lange und enden regelmäßig im Streit.
- Es hat Probleme, Gefühle zu regulieren, und gerät schnell außer sich.
Wichtig: Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Ergotherapie ist dann sinnvoll, wenn das Kind oder die Familie im Alltag darunter leiden.
Außerdem interessant: Warum Umfeld und Umwelt für Fortschritte in der Therapie wichtig sind







